Jetzt wird es ernst!
Mit unwirscher Geste voll unterdrückter Wut hob er den Saum seines schweren, dunklen Umhangs aus dem Schmutz der Gasse und streifte den Schlamm an seinen Schuhsohlen an dem dafür vorgesehenen Bügel neben der Eingangstür ab. Er trat ein, verschloss die unscheinbare Tür von innen mit dem kräftigen Riegel und ärgerte sich darüber, dass offensichtlich alle Fackeln bis auf eine ausgegangen waren, während er draußen war. Dann spürte er den ungewöhnlichen Luftzug und stürzte in den hintersten Raum des Verlieses. Ungläubig starrte er die offenen Käfigtür an: Der Drache war entkommen!
Das rote Buch bringt nun alle Fäden zusammen. Die Arbeit muss sorgfältig, detailgenau und sehr geduldig erledigt werden, damit sich alles ineinanderfügen kann, ohne Widersprüche oder Ungereimtheiten aufkommen zu lassen. Dabei ist es bei aller Gründlichkeit wieder eine Freude, die drei auf ihrer Reise zu begleiten.
Ein wenig Wehmut zieht sich allerdings bereits jetzt manchmal durch den Entstehungsprozess. Sie werden mir fehlen, wenn unsere Wege sich trennen.
Obwohl die Geschichte noch nicht völlig niedergeschrieben ist, könnt ihr hier bereits einige Textstellen ansehen. Veränderungen sind natürlich nicht auszuschließen: zwischen dem Rohling und dem veröffentlichen Text liegen noch einige Monate.
Wollt Ihr mal hineinschauen? Hier findet Ihr ein paar Momente aus dem Manuskript.
Ein Vorgeschmack
Noch ein letztes Mal blickte sie aufmerksam in alle Richtungen, dann stürzte sie unvermittelt aus ihrer Deckung und rannte so schnell sie konnte quer über die alte Grasnarbe in die Richtung, in der das Seeufer lag. Bevor sie weit gekommen war hörte sie ein Rauschen über ihrem Kopf, blickte reflexartig hinauf und übersah bei dem Manöver die Ansammlung fast hüfthoher, halb vertrockneter Distelstängel, in die sie mitten hineinlief. Sie stürzte mit der vollen Wucht ihrer Geschwindigkeit der Länge nach hin, wurde von ihrem eigenen Schwung noch etwas weiter durch die pieksenden Bruchstücke getragen, rappelte sich auf Händen und Knien endlich auf und versuchte beinahe panisch, ihre Beine wieder unter ihren Rumpf zu bekommen. Sie stieß sich kräftig ab und es gelang ihr, sich aufzurichten. Ein weiterer Blick nach oben bestätigte ihren Verdacht: Mit halb angelegten Flügeln stieß Krahadnir aus großer Höhe beinahe senkrecht auf sie zu. Sein Fang war halb geöffnet und ein tiefes Grollen klang aus seiner Brust. Sie änderte blitzschnell die Richtung und konnte seinem Angriff noch mit knapper Not entkommen, doch dann, als sie den Stamm der alten Eiche schon ganz nah vor sich sehen konnte, versperrte Stephan ihr mit einem gewaltigen Sprung den Weg und wollte nach ihr greifen. Sie schob eine seiner ausgestreckten Hände mit einem leichten Schlag zur Seite, doch er packte sie mit der anderen Hand und verhinderte geschickt, dass sie sich losreißen konnte.
„Hab dich! Du bist gefangen!“
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Nach wenigen Flügelschlägen überflogen sie mühelos den Sicherheitszaun und schossen wie eine Kanonenkugel davon. Hannah musste sich vornüber beugen und Mund und Augen fest schließen, um nicht vom Flugwind gebeutelt zu werden. Welch eine Geschwindigkeit Krahadnir an den Tag legen konnte!
Wohin?
„Wir müssen Stephan finden! Kannst du ihn sehen?“
Ohne zu antworten änderte Krahadnir die Flugrichtung ein wenig und sank noch tiefer auf die Oberfläche hinunter. Dann faltete er plötzlich seine Flügel halb ein und sie befanden sich beinahe im Sturzflug. Hannah schloss die Augen, denn der Anblick der unter ihr dahinrasenden Vegetation war überwältigend. Ein Ruck, ein Ausfallschritt, gefolgt von einer heftigen Entschleunigung, die Hannah fast von ihrem Sitz schleuderte, dann waren sie unten. Nur Augenblicke später, während denen Hannah Arme und Beine zählte, schlüpfte Stephan aus dem Dickicht und lief halb gebückt auf sie zu.
„Da seid ihr ja! Mann, bin ich froh, euch zu sehen!“
Werden wir verfolgt? Müssen wir kämpfen?
Krahadnir zog die Krallen eines seiner Vorderbeine durch die Erde und verursachte tiefe Spuren. Sein Fang war halb geöffnet und er blickte wild um sich.
„Ruhig, ruhig! Lass mich absteigen, wir sind alleine!“
Hannah strich über Krahadnirs Hals, während sie sich zu Boden gleiten ließ. Als sie sich zu Stephan umdrehte und nach einer seiner Hände griff, spürte sie, wie Mut und Zuversicht in ihr aufstiegen. Eine Idee begann sich zu formen.
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Nun begann eine schwierige Etappe, die ihnen alles abverlangte, was sie an Mut und Durchhaltevermögen zur Verfügung hatten. Zuerst mussten sie jeweils ihren Rucksack mit beiden Händen so weit wie möglich vor sich herschieben, um dann kriechend dieselbe Strecke zu überwinden. Aufrichten konnten sie sich nun nicht mehr und der Tunnel war mittlerweile auch so schmal geworden, dass sie sich nicht hätten umdrehen können, um zurückzukriechen, falls der Weg vor ihnen unüberwindlich würde. Mit jedem mühselig erkämpften Meter wurde die Strecke, die sie notfalls rückwärts zurücklegen müssten, länger. Hannahs Arme schmerzten vor Anstrengung, ihr Atem ging flach und stoßweise und wieder musste sie gegen steigende Angst ankämpfen. Sie hob den Kopf, obwohl sie in der Dunkelheit nichts sehen konnte, und schlug ihn sich an den scharfen Kanten des Felsen über ihr heftig an. Mit einem Schmerzenslaut ließ sie sich auf den Bauch fallen und tastete die Stelle mit ihren Fingerspitzen ab. Sie griff in eine warme, feuchte Haarsträhne und zuckte zurück.
„Bist du in Ordnung?“, erkundigte Stephan sich besorgt und hielt an.
„Geht so. Weit kann ich auf diese Art nicht weiterkriechen. Wie ist das bei dir?“
„Wenn ich mich nicht täusche, dann kriechen wir auf die Grotte zu, die wir vorhin durchquert haben. Halte durch und konzentriere dich auf deine Atmung. Es ist sehr unbequem, doch wir sind zu diesem Zeitpunkt nicht in Gefahr.“