Malou Theisen Autorin

Doch wie geht es weiter?

Es wurde dunkler und kälter. Seine Augen schlossen sich und er spürte, wie die Flamme in seinem Inneren schwächer und schwächer brannte. Seine Bewegungen verlangsamten sich bis er in seiner halb zusammengerollten Position erstarrte. Der letzte Funke erlosch schließlich; alles was blieb war Kälte und Dunkelheit.

Um nicht im kreativen Leerlauf zu veröden, nun, da meine Energie endlich nach draußen drängte, begann ich sofort, eine neue Geschichte niederzuschreiben. Auch hier waren meine Visionen aus Sicht meiner Kinder zu bescheiden: Sie wünschten sich ein größeres Abenteuer, eine phantastischere Geschichte. Nach kurzem Widerstand meinerseits warf ich mich kopfüber in die Arbeit und stellte bald fest, dass ihre Vorstellung von einer Trilogie durchaus realisierbar ist. 

Das Manuskript des ersten Teiles wurde jetzt veröffentlicht. Auch hier stehen drei Freunde im Mittelpunkt, wovon einer jedoch kein Mensch ist, sondern ein Drache. Die Geschichte spielt in unserer Welt und in unserer Gegenwart. 

Hier findet Ihr eine exklusive Leseprobe aus dem neuveröffentlichten Buch. Damit habt Ihr schon einen ersten Einblick in die kommende Geschichte!

„Wo bleibt der Orangensaft?“
„Wir haben noch keine Marmelade auf unserem Tisch!“
„Reich mal bitte die Butter her!“
„Warum gibt es hier kein Weißbrot?“
„Ich wollte Joghurt zum Frühstück!“

Die aneinandergereihten Bänke waren zum Brechen mit ungeduldigen und hungrigen jungen Leuten gefüllt, die alle gleichzeitig durcheinander riefen. Der Küchendienst, zu dem auch Hannah und Stephan zählten, hatte alle Hände voll zu tun, diese wilde Bande zügig zufriedenzustellen. Mit Brotkörben und Marmeladengläsern beladen liefen sie zwischen der Küche und den Esstischen hin und her, froh, dass die Leute sich nicht selbst bedienen durften. Einmal am Tisch musste man sitzen bleiben, bis die Mahlzeit beendet war. So konnten die Leute vom Küchendienst ohne zu viel Gegenverkehr Esswaren und Getränke verteilen. Bereits nach kurzer Zeit verstummte das Gejohle und wurde von leiseren Geräuschen abgelöst.
In der Küche standen einige kleinere Tische. An einem von diesen konnten sich Hannah und Stephan endlich etwas atemlos hinsetzen und ihrerseits ihr Frühstück zu sich nehmen. Bald würde das Aufräumen und der Abwasch anstehen, doch dieser Moment bot Gelegenheit für eine Pause.
„Das ist ja schlimmer, als ich mir den Fütterungsdienst in einem Zoo vorstelle!“, bemerkte Stephan mit vollem Mund. Hannah nickte zustimmend und griff nach einer Semmel. Nachdem sie die erste auf ihren Schoß hatte fallen lassen, nahm sie augenzwinkernd eine zweite und begann, sie aufzuschneiden und mit Butter und Marmelade zu bestreichen. Stephan hatte das Manöver bemerkt und tat diskret dasselbe. Das waren dann schon zwei für Krahadnir. Er zog seine Serviette über seine Beute und sah sich unauffällig um. Die anderen vom Küchendienst hatten sich mittlerweile auch alle hingesetzt und ließen sich ihr Frühstück schmecken. Etwas weiter entfernt hatten sich die Erzieher zurückgezogen und Stephan sah mit einer gewissen Missbilligung, dass sie sich nicht miteinander unterhielten, sondern ausnahmslos an ihren Handys herumspielten. Er deutete mit dem Kopf in ihre Richtung und Hannah blickte verstohlen hinüber.
„Naja, was soll man sagen? Die Regeln werden offensichtlich auch hier von den einen gemacht und von den anderen befolgt!“, raunte sie Stephan zu. Er zuckte die Schultern und sie lächelten sich an. Eine Weile blieb alles ruhig und jeder widmete sich seiner Mahlzeit, doch dann bemerkte Stephan eine gewisse Unruhe in der Gruppe der Erzieher. Da Hannah ihnen den Rücken zukehrte konnte sie nicht schon wieder hinübersehen, ohne aufzufallen und bat Stephan mit einem Blick, ihr Bericht zu erstatten.
„Die zeigen sich gegenseitig Zeug auf einem der Geräte! Ich kann nicht verstehen, was sie sagen, doch einige scheinen amüsiert während andere eher ungläubig und sogar etwas verärgert aussehen.“, flüsterte Stephan. „Weiß der Teufel, worum es geht! Wenn es uns betrifft dann werden wir wohl davon erfahren!“
Arglos kümmerten sich die zwei weiter um ihr Frühstück. Ein Blick auf die Uhr hatte ihnen bestätigt, dass sie noch etwa eine halbe Stunde Zeit hatten, ihre Arbeit zu erledigen, bevor sich alle an der Feuerstelle zu treffen hatten.
„Morgen werden wir uns besser organisieren“, meinte Hannah noch. „Wir können die unverderblichen Lebensmittel bereits auf die Tische stellen, bevor die Meute herkommt. Damit vermeiden wir so eine Hetzjagd wie eben.“
Stephan dachte einen Moment darüber nach und stimmte ihr dann zu. Dann wurde es Zeit, sich ans Aufräumen zu machen. Dies war gar nicht so einfach und es wurde sehr knapp, rechtzeitig alle Spuren des ersten Frühstückes zu beseitigen. Die Leute kannten einander noch kaum und die Abwesenheit elterlicher Aufsicht hatte wohl viele dazu verführt, den größeren Teil ihrer Tischmanieren erst einmal auf Eis zu legen. Viele Lebensmittel waren achtlos verschwendet worden, klebrige Löffel lagen neben den Marmeladengläsern und die meisten Teller waren weder leergegessen noch zusammengestellt worden.
„Was für eine Schweinebande!“, entfuhr es Hannah. „Das hatte ich mir nicht unter Küchendienst vorgestellt.
Einer der Erzieher hatte ihren Kommentar überhört und lächelte sie beschwichtigend an:
„Unser erstes zehn-Uhr-Treffen dient jedes Jahr dazu, die Situation gemeinsam einzuschätzen und dann Lösungen herauszuarbeiten. Wir werden sicher auch dieses Mal lernen, besser miteinander auszukommen und uns achtsamer zu benehmen. Das ist übrigens auch ein Teil des Programms, das wir hier anbieten. Viele Leute müssen erst einmal lernen, dass Zusammenleben einige Richtlinien braucht.“
Besonders tröstlich fand Hannah diese Predigt nicht, vor allem als sie sah, dass sich keiner der Aufsichtspersonen am Aufräumen der Arbeitsflächen und Abräumen der Tische beteiligte. Im Gegenteil, sie hatten sich alle an der Spüle getroffen und warteten lediglich darauf, den Abwasch zu erledigen. Sie ärgerte sich darüber, dass sie und Stephan die Essensreste von den Tellern schaben mussten, denn das wurde alles weggeworfen. Hätte man nicht wenigstens ein oder zwei Schweine halten können, um diese Lebensmittel sinnvoller zu verwenden? Manchmal verstand Hannah nicht, wie verschiedene Entscheidungen getroffen wurden. Stattdessen bemühte sie sich wieder einmal, das Beste daraus zu machen.
„Morgen nehmen wir einen sauberen Müllbeutel und tun etwas Futter für Krahadnir hinein!“, flüsterte Stephan im Vorbeigehen. Tolle Idee! Dass sie darauf nicht selbst gekommen war! Sie lächelte Stephan an und er lächelte zurück. Keiner kannte ihr Geheimnis und bei der ersten Gelegenheit würden sie wieder zu Krahadnirs Lichtung schleichen.